Abenteuer Erde HR-Fernsehen am 25. Mai 2005
Ein Film von Ottmar E. Gendera


Alle Vögel sind schon da:

was Vogelstimmen leisten – und wann sie lügen
 

 

Wenn die Großstadt im Frühling allmählich erwacht, sind die Vögel schon lange vor den Menschen aktiv. Vor allem im Wonnemonat Mai, wenn die Männchen mit betörendem Gesang um die Weibchen werben. Nachtigallen-Männchen etwa sind umso potenter, je umfangreicher ihr Liedrepertoire ist.

 
Andere Sänger bringen es beim Imitieren von Geräuschen zu wahrer Meisterschaft: Der Star soll sogar das Klingeln von Handys nachahmen können. 

Mit einem Repertoire von mehr als 200 Strophentypen gilt das Nachtigall-Männchen als Pavarotti der Singvögel. Für seinen Gesang interessieren sich auch Forscher der FU Berlin. Sie interessiert, ob die Gesangsvielfalt der Nachtigall auch etwas mit der Attraktivität der Männchen für ein Weibchen zu tun hat, also mit ihrer Fähigkeit, gesunden und starken Nachwuchs in die Welt zu setzen. Nachtigallen mit besonders großen Repertoires seien beispielsweise etwas größer und schwerer, als die mit den kleineren Repertoires. „Das deutet zumindest darauf hin, dass tatsächlich eine Beziehung besteht zwischen der Komplexität des Gesanges auf der einen Seite und der Qualität der Männchen auf der anderen Seite“, sagt der Verhaltensbiologe Dr. Roger Mundry. 

Auf zwei Quadratkilometern bietet der Treptower Park in Berlin jährlich etwa 30 Nachtigall-Pärchen Lebensraum. In Hecken und Büschen gut getarnt, fällt die Nachtigall fast nur durch ihren Gesang auf. Den lernt sie noch als Jungvogel größtenteils vom Vater – später kommen dann eigene Kompositionen hinzu. Auch die Biologen fasziniert die Komplexität des Gesangs der Nachtigall. Typisch ist dabei die klare Trennung der Strophen.

 

Im Schlosspark Sanssoucci in Potsdam kümmern sich Wolfgang Mädlow vom NABU Brandenburg und Prof. Dieter Wallschläger von der Universität Potsdam um die Belange von etwa 40 Vogelarten. Beispielsweise sollen Nistkästen den Vögeln beim Brüten helfen. Zudem bieten die Nistkästen Vogelkundlern und Laien eine gute Beobachtungsmöglichkeit. Denn für die Ohren ist jeder Vogelsänger erst dann ein besonderer Genuss, wenn man ihn auch erkennen und unterscheiden kann. 

Doch manche Singvögel führen uns an der Nase herum: sie sind wahre Meister im Imitieren ihrer Artgenossen. So ist der Star beispielsweise ein Meister darin, einen Buchfinken nachzuahmen. Im Bioakustiklabor der Universität Potsdam wird der Vogelgesang genau analysiert. Vögel hören in den komplexen Strophen sehr viel mehr als Menschen. „Von der Tonhöhe gehen die meisten Vogelarten auch nicht über den für den Menschen hörbaren Bereich hinaus. Aber von der Geschwindigkeit haben die Vögel einen großen Vorteil. Sie haben eine etwa zehnfach höhere zeitliche Auflösung des Gehörs“, sagt Prof. Dieter Wallschläger. Wie viele einzelne Strukturen in einem Triller drinstecken, könne ein Mensch nicht zählen, aber für einen Vogel würde alles viel langsamer ablaufen. 

Von dem Vogelkonzert in seinem Hinterhof ließ sich der Klangkünstler Tilman Küntzel zu Experimenten mit Starengesang inspirieren. Da Stare die Fähigkeit haben, auch Umweltgeräusche täuschend ähnlich in ihren Gesang einzubauen, baute Küntzel virtuelle Starenkästen. Immer, wenn ein Star sich auf die Stange eines solchen Kastens setzt, ertönt ein neuer Klang. „Der Star muss wie alle Singvögel seinen Gesang individuell lernen. Und von daher muss er von irgendwo her aus der Umwelt Laute kriegen. Das können die Gesänge von Artgenossen sein, das können – was der Star sehr gerne macht – irgendwelche anderen Geräusche aus der akustischen Umwelt sein“, sagt der Verhaltensbiologe Dr. Jörg Böhner. Im Botanischen Garten in Berlin sind mittlerweile vier solcher Kästen aufgehängt, die die Vögel offenbar als ein willkommenes Angebot zum Nachhilfeunterricht in Sachen Klangvielfalt nutzen.