Johannes S. Sistermanns

Katalogbeitrag zu Tilman Küntzel in der Ausstellung: KLANGKUNST - a german sound. Deutscher Musikrat 2009

Ich beschäftige mich seit Anbeginn des Kunststudiums 1984 an der HfBK-Hamburg mit der Frage der Rezeption der Künste insb. in Bezug auf die akustische Wahrnehmung bzw. der Wechselbeziehung von auditiver und visueller Wahrnehmung. Meine Installationen sind daher weniger akusmatischer Natur, sondern vielmehr als multimediale Anordnungen zu verstehen, indem ein System für audiovisuelle Signalgeber demonstriert wird.
Tilman Küntzel 1996

Tilman Küntzel trägt in seiner Biographie viele der Momente an das Genre Klangkunst heran, mit denen sie vielfach in Verbindung gebracht oder charakterisiert wird. Sein grundlegend mehrdimensionales Wahrnehmen führt ihn in ein Hochschulstudium der Freien Kunst bei Claus Böhmler, bildender Künstler und Medienkünstler, und Henning Christiansen, Fluxus-Komponist.

Küntzel belegt Seminare an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Hamburg und macht einen Schlenker über die systematische Musikwissenschaft. Er verbringt eine Zeit des Beobachtens und Wahrnehmens bei Allan Kaprow, den er zusammen mit Henning Christiansen und Phil Corner als seine Lehrer nennt.

Der Platz unterm Flügel
Ein Instrument spielen lernen ist ihm in seiner Musiker- und Akademikerfamilie mehr Pflicht als Leidenschaft. Geige, Klavier und Querflöte verschaffen sich nie eine nachhaltige Stimme bei ihm. Zu seinem stärksten Musikerleben wird das Hören barocker Musik, die er in familiärer Hausmusik bevorzugt unter dem Flügel hört. Zwischen dem fünften und elften Lebensjahr wird dies zu seinem Lieblingsplatz im Haus. Hier genießt er die Akustik brummender Bässe und findet zu einer Identität im Klang über das Hören.

Heute umfasst sein bisher erschaffenes Werk sowohl Klangkompositionen, Hörstücke, Videos (Aufnahme/Schnitt/Sound), mehrkanalige Lautsprecherkompositionen, Internetprojekte sowie zahlreiche Klanginstallationen. Er kuratierte das selbstinitiierte Symposien mit Ausstellung und Konzerte „Stare über Berlin“ sowie “World Cup 2006 – Radio Commentaries in native Toungues – Synchronous Recordings” (Berlin 2006 in Zusammenarbeit mit Berliner Festspielen und “Sonambiente 06″). Er entwickelt Partituren eigener Handschrift, baut und improvisiert auf Geräuscherzeugern. Analogien und transformatorischen Momenten spürt er im selbstgewählten Themenkomplex Klang und Farbe nach.

Allegorie auf eine Schreibtischlampe
Mit der Allegorie der Schreibtischlampe ist in dieser Ausstellung ein grundlegender Ansatz von Küntzel präsent. In der Wechselbeziehung von auditiver und visueller Wahrnehmung realisiert sich dieses Stück Klangkunst erst im Verhältnis zu seinem Betrachter.  Akustisch wird der schauende Hörer hier in ein hörendes Schauen überführt, er findet sich wieder in einer situationsbezogenen Installation. Die ihrer üblichen Funktion entkleideten Schreibtischlampe bekommt ein neues Interieur und substituiert an die Stelle einer Glühbirne einen passgenauen konisch zulaufenden Lautsprecher. Dieser ist aber wieder mittels eines kleinen Anschaltknopfes an- und ausschaltbar.

Algorithmen   Signalverarbeitung   Wahrnehmung
Küntzel (er-)findet Systeme. Bei ihm machen Algorithmen die Musik. Sein Interesse liegt im kreieren von Versuchanordnungen, an deren Ende Signalgeber Abfolgen von Impulsen hörbar machen, die vorher Lichtintervalle waren. Und, er provoziert im Betrachter eine Lücke zu reißen in dessen angeblich vertrauten visuellen und auditiven Wahrnehmungen. Eine enttäuschte Erwartung oder ein unerfülltes Vorurteil eröffnen den Ort seiner situativen Klanginstallationen. Er thematisiert die Wahrnehmungshaltung des Betrachters und überführt ihn momentan in einen Sinnfindungsprozess.

In der Bezugsetzung von Ort/Raum, Bild und Klang führt er durch Räume der Irritation, in denen nichts mehr zusammen passt außer in einer Synchronität der Unterschiedlichkeiten. Er öffnet hiermit ein Feld, in dem der Rezipient das Zusammenwirken der audio-visuellen Bewegungen im Raum individuell ergründet. Und hier erst realisiert sich seine Klangarbeit.

Vögel lernen singen
Beispiel für solch ein Vorgehen im Natur-/Technik-/Klangraum ist die Installation ‚Unit für Stare zum Lehren von Tonfolgen’ im Botanischen Garten 2005 in Berlin.

Diese Units sehen aus wie Vogelkästen und wurden in der Nähe von Bruthöhlen angebracht, in denen Stare nisten. Sie sollten Stare animieren, sich dort niederzulassen um während der Brut durch Abspielen signalartiger Phrasen hörend zu lernen und diese in ihr Gesangsrepertoire aufzunehmen.
Technisch gesprochen, wurde diese KlangPhrase zusammen mit einer Lichtchoreographie ausgelöst, wenn sich der Star auf den Ast setzte. Flog er weg, verstummte und verlöschte alles. In dem Maß, wie der Vogel jetzt seinen Gesang um diese Phrasen bereichert oder verändert hat, fliegt er in die Welt und lehrt seine Nachkommen seinen Gesang.  Denn Vogelgesang sichert sowohl die Nachkommenschaft als auch unser luftiges Hören im Stadt- und Naturraum.

Authentisch sein
Meine Klänge sind nicht schön, behauptet Tilman Küntzel. Er respektiert jeden Klang, wie er kommt. Mich interessiert der Variationsreichtum aus dem verwendeten Material. Jeder Starter klingt anders. Geräte und deren Bauweisen führen zu unterschiedlichen Klangergebnissen. Wobei er kein Material untersucht. Der algorithmisch generierte Klang ist die Folge seiner Versuchsanordnung.

Das, was technisches Wissen beim Bauen und Finden braucht, erarbeitet er sich autodidaktisch. Er selbst sieht sich als ‚begabter Bastler, der alles anfasst und irgendwie hinkriegt, aber nicht wirklich.’ Manches lässt er machen.

Angst machen ihm computergesteuerte Umrechnungsmodelle. „Man kann alles generieren, weiß aber nicht, woher es kommt. Und das wird dann schnell pathetisch oder auch wieder konventionell.“

Er misstraut Soniphication, undurchsichtigen Prozessen oder auch theatralisch Inszeniertem.

Er mag leidenschaftslos agierende Systeme, die sich erklären, wenn das Entstehen von Klang und Bild und Raum nachvollziehbar wird. Küntzel bevorzugt das nicht Ausformulieren von Klangereignissen, Zufälligkeiten und emotionslose Signalgeber, die Proportionen sowie Strukturierung von Zeit und deren Ereignisse hierin wiedergeben, wie in seinen Arbeiten mit Rosen und Weihnachtssternen.

In diesem Offenlegen der seine Kunst produzierenden Techniken, Verfahrensweisen, algorithmischen Steuerungen und Informationsverarbeitungen liegt für ihn die Glaubwürdigkeit.

PDF (Johannes S. Sistermanns Katalogtext Deutscher Musikrat 2009, 65 kB)