Alle Beiträge von Tilman Küntzel

Drei Räume – Drei Farben

„Kunst wird von den Betrachtern ganz unterschiedlich wahrgenommen“ sagt Tilman Küntzel, „das hängt auch von den Räumen ab, in denen sie präsentiert wird“. Um solche Zusammenhänge dreht sich die aktuelle Ausstellung des Lüneburger Künstlers im Kulturforum Gut Wienebüttel. „Ausstellung“ ist vielleicht nicht das richtige Wort, denn statt auszustellen hat Tilman Küntzel ausgeräumt: Die Wände sind weiß, zu sehen gibt es nur ein paar Lautsprecher und unterschiedliche Fußbodenbeläge.

„Drei Räume, drei Farben“ heißt die Präsentation dennoch, gemeint sind Klangfarben. Formal betrachtet hat Tilman Küntzel je einen Raum mit Teppich, Metallplatten und mit einer Kiesschicht ausgelegt. Aus den in Kopfhöhe installierten Lautsprechern, vier pro Zimmer, dringen Klangfetzen: insgesamt 250 gesampelte Sound-Fragmente, den Räumen zugeordnet, abgespielt über CD-Player im Random-Mode – die Reihenfolge ist also zufällig, auch die Richtung, aus der sie kommen. Der Besucher ist daher eher Hörer als Betrachter: Der Kies knirscht unter den Schritten, das Metall hallt, der Teppich knistert. Die eingespielten Klänge passen dazu, vermitteln – je nach dem – das Gefühl von Kühle und Wärme, Enge und Weite. Und immer wieder gibt es lange Pausen. Die Klang-Raum-Wirkung erschließt sich nicht sofort, Zeit und Ruhe sollte der Gast mitbringen.

Mit seinen aktuellen Projekten nähert sich Tilman Küntzel der Komposition, Elementen der Neuen Musik. Dazu gehört bei den Konzerten auch die Integration von Raum und Richtung: Musik (oder Lautsprecher) und Publikum werden nicht mehr gruppiert und einander gegenüber platziert, sondern so, dass im Saal akustische Schwerpunkte und Freiräume entstehen, bei den Zuhörern die Wahrnehmung des Klang-Raumes mit der Musik an sich verschmilzt.  Frank Füllekrug, Lüneburger Landeszeitung 

Das Klangmobilé

BATIC – Gesellschaft für Beteiligung Hamburg 1987, Hochschule für Bildende Künste Hamburg 1989, Kunsthalle Kiel 1990 Forum junger Kunst.

Konzipiert habe ich das Mobilé 1987 für die Ausstellung Kunstproben in dem Foyer des Bürohauses der BATIG – Gesellschaft für Beteiligung in Hamburg. Die Ausstellungsfläche dort ist sehr lichte, alle Außenwände bestehen aus Glasscheiben. Das brachte mir die Assoziation zu einem Mobilé (später fand ich heraus, daß das Atelier von Alexander Calder in Roxbury aussah wie ein Gewächshaus, also ähnlich wie das Foyer). Musikalisch interessierte mich bei dieser Arbeit die Analogie von Bewegungsabläufen zu veränderbaren Konstellationen musikalischer Elemente. Es sollte ein Objekt sein, das durch freischwebende Lautsprecher (jeder Lautsprecher ein Klangbild) ein Zusammenwirken der Klangelemente selbst bestimmt (siehe das aleatorische Kompositionsprinzip nach Duchamp und Cage).
Das Mobile ist ein Kosmos in sich und für sich. Drei Endloskassetten geben verstärkt durch drei 10 Watt Stereo Verstärker sechs Klangbilder über sechs Lautsprecher wieder. Ein weiterer Lautsprecher ist als Mikrofon umgepolt und erzeugt durch einem anderen Lautsprecher im Mobilé Rückkopplungen. Am Ende eines langen Armes ist ein Mikrofon befestigt, das die Klangkonstellationen registriert und den Klang dieser „Mastermischung“ zu einem Lautsprecher überträgt, der abseits von dem Mobilé installiert ist.
Die Stromzufuhr sowie die elektrischen Kreisläufe der Tonträgersysteme sind über die Eisenstangen des Mobilés, den Stahlseilen und Ringen geerdet. Die Kreisläufe schließen sich damit durch deren Aufhängung, wodurch es zu diffusen Überstrahlungen und Rückkopplungen kommt. Für das im Moment Hörbare spielen nicht nur die Impulse aus dem System selbst eine Rolle, sondern auch die beweglichen (und unbeweglichen) Gegenstände im Raum (z.B. der Betrachter) sowie Geräuschimpulse von außen wie z.B. Verkehr, Passanten und Gebäude. Diese Schallreflektoren können Kettenreaktionen von Schallverdoppelung und Schallbrechungen zur Folge haben. Die Besucher sind ausdrücklich aufgefordert, mit dem Mobile zu spielen, die Elemente in Bewegung zu setzen, sich hinein zu begeben und sich hindurch zu bewegen. So können z.B. durch einen kurzen Pfeifton, bei günstiger Konstellation, Rückkopplungen in Gang gesetzt und durch Positionsveränderungen deren Klangverlauf beeinflusst werden. „Lassen Sie das Außenmikrophon um das Mobile schwingen und hören Sie sich im Masterlautsprecher die Klangkonstellation an“. Diese Anweisung soll dazu führen, daß der Rezipient sich aus den verschiedenen Klangressourcen durch Schwenken der Arme seine eigene zeitliche Wahrnehmung der Klangereignisse gestaltet.  1987

Wenn ich ein Vöglein wär‘

Klangobjekt / Mixed Media 2002
Maß: 160 x 65 x 65 cm
Courtesy: Der Landkreis Lüneburg

Es ist ein Lautsprecher, alias ein Vogel, alias der Künstler selbst, der steril in einer Glasvitrine hockt, einsam und ohne Flügel. Per Knopfdruck kann man ihn bedienen, dann pfeift er aus der Enge des geschlossenen Kubus seine Vogelphrasen, wenn auch gedämpft, so doch Fröhlichkeit verbreitend. Man kann sich seiner seltenen Art rühmen, die hier in einem Schaukasten zu begucken und auch im O-Ton zu hören ist, unantastbar wie die Reliquien eines Naturkunde Museums oder einer avancierten Kunst-Galerie.
Melanie Uerlings

Turbulenzen im Luftraum

Kunstsommer Jesteburg 1998
An installation for the museum of local history in Jesteburg 1998

The installation consists of two pipes that are hung up dangling freely in their central axis. These are exhibits of the new museum of local history that I have found on the preliminary viewing. One of the pipes is a water-pump. Through small loud-speakers, sounds are played into the pipes. The sounds are recordings of a bird’s colony in Newfoundland, Canada from July 1998 and noises from a gambling arcade in St. John’s, Newfoundland, Canada. Together the two recordings mix, intensified through the pipes and freely dangling in the room. The visitor may slowly set the pipes in motion and listen to the mingling of sounds from different positions. This installation is about ‘the animal in man’ compared with other instinctive behaviours. The shouts of the birds of a breeding colony come close to war cry – as they serve the defending of the breeding ground. In the gambling dens militant games are simulated and – one cabin after the other – practised with great eagerness. How the sounds are alike…

Risk your Skin

Material: Holzsockel, Glasbehälter, lebende Fische

Luleå Art Biennale LAB09
RISK – it is human to make a mistake. Or two…
Curated by Jan-Erik Lundström
Luleå Art Hall, Sweden June – August 2009

Three foodbath-stations in which the visitors of the exhibition can put their foots into a bowl of water in which little fishes “Saugbarden” [lat: Garra rufa] are swimming (also named as “Psoriasisfishes” or “Kangalfishes”). This fishes are nippling at human skins, so that the old surface peels of. The fishes like to eat the old skin. Is is an asian methode of refreshing the skin, for to prevent skin diseases like Psoriasis. According to the theme “RISK – its human to make a mistake” my proposal focus on the recovery after having done thinks one likes to regret and opens a positive perspective. On the other hand the proband feels the risk the fishes could not stop eating the skin and the hole foot like the Piranhas would probably do.

Die Rote Saugbarbe (Garra rufa)
Saugbarben sind bis zu 14 cm großer Fische aus der Familie der Karpfenfische (Cyprinidae). Sie kommen in Jordan-, im Orontes- und in Euphrat-Tigris-System, sowie in einigen Küstenflüssen Nordsyriens und der südlichen Türkei vor. Bekannt (s.u.) wurde vor allem eine Population aus der Region Kangal in der Türkei, weshalb sie auch Kangalfische genannt werden. Charakteristisch ist eine rötliche Färbung der Schwanzflosse. Erstmals erwähnt wurde die Tierart 1843 vom Biologen Johann Jakob Heckel. Die nachfolgenden Informationen beziehen sich vor allem auf die Population aus Kangal. Saugbarben sind als Psoriasisfische bekannt geworden und sie leben in warmen, sehr nährstoffarmen Gewässern, in denen es einen evolutionären Vorteil darstellt, ohne Scheu zum Beispiel auf Menschen zuschwimmen und dort die aufgeweichten oberen Hautschichten abzuknabbern. Mitunter wird von Versuchspersonen dieser Vorgang auch als „Anstubsen“ der betroffenen Hautstellen beschrieben. Hierbei lösen sich Hautpartikel und werden von den Fischen gefressen. Dies geschieht besonders leicht bei Verhornungsstörungen, wie zum Beispiel der Psoriasis. Es wird auch von Neurodermitis-, Akne- oder Ekzem-Patienten berichtet, denen die Fische auf diese Weise Linderung und Hilfe verschaffen. Durch das milde mechanische Abtragen der hyperkeratotischen Plaques bildet sich tatsächlich die Psoriasis sichtbar zurück, vor allem durch das Zusammenspiel mit der Sonne – denn die Behandlung erfolgt in der Regel in einem Becken unter freiem Himmel. Berichte, in denen von der Absonderung eines Dithranol-haltigen Sekretes durch die Fische berichtet wird, sind unzutreffend, da es sich bei Dithranol um eine synthetisch hergestellte Substanz handelt, die als Medikament in der Medizin gegen Psoriasis eingesetzt wird. Unwahrscheinlich sind auch Berichte, nach denen beim „Knabbern“ der Fische an der menschlichen Haut Speichel in die Haut injiziert wird. Die Kiefer der Garra rufa scheinen in anatomischer Hinsicht diesen Vorgang nicht zu ermöglichen. Die Berichte über medizinische Erfolge der Rötlichen Saugbarben und über verjüngende oder hautreinigende Funktion des „Knabberns“ haben zu einem Boom des Handels mit den kleinen Karpfenfischen geführt. Man kann sie inzwischen in der Bundesrepublik, Österreich und der Schweiz kaufen oder auch mieten. Dort sind sie als Kangalfische oder Knabberfische bekannt. Andernfalls kann man in Thermen oder Bädern mit eigenem Bestand Kuren buchen. In der Türkei sollen Krankenkassen Zuzahlungen zu Behandlungen im Heimatgebiet der Fische gewähren. Aufgrund der internationalen Popularität steht der Export der Garra rufa (Kangalfisch; Doktorfisch) in der Türkei inzwischen unter Strafe.