Alle Beiträge von Tilman Küntzel

Berlin*

Gruppenausstellung „Sonambiente“
MAßNAHMEN ZUR INSTANDHALTUNG DES KLANGKÖRPERS FAN
SLEEP CAPSULE
SYNCHRON RECORDINGS IN NATIVE TOUNGUES
FUßBALLWAND
Beiträge zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006
1. Juni – 16. Juli 2006
Akademie der Künste Pariser Platz

Michael Stoeber

Zu unserem kollektiven musée auditive, das nicht Bilder, sondern Klänge speichert, gehört zweifellos die sich vor Begeisterung überschlagende Stimme des Radioreporters, der das Siegtor der deutschen Mannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft 1954 in Bern verkündete. Dieses lang gezogene „TooorTooorTooor“ annoncierte mehr als nur ein Tor. In ihm lag die unerwartete Wiederauferstehung einer im Zweiten Weltkrieg bedingungslos geschlagenen Nation. Geschlagen nicht nur durch den militärischen Sieg der Alliierten, sondern auch durch die vollständige moralische Diskreditierung seiner selbst. Sportkämpfe und Fußballspiele, Soziologen haben oft genug darauf hingewiesen, sind Ersatzkriege. Insofern war Bern 1954 ein historisch bedeutendes Ereignis, das sein gültiges akustisches Symbol im „Tor“-Gebrüll des deutschen Radioreporters fand.

Tilman Küntzels künstlerisches Projekt für die Berliner Sonambiente 2006 operiert mit den agonalen Energien der aktuellen Fußballweltmeisterschaft. In seiner „Klangwand“ hat er 64 Fußbälle wie Pokale installiert, die als skulpturale Metonymien alle Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft repräsentieren. Darüber hinaus hört man aus den einzelnen Bällen collagierte Radioreportagen in den Landessprachen der gegeneinander stehenden Mannschaften. Wenn sich am Ende der Meisterschaft die Stimmen zu einem synchronen und energetischen Klangteppich verweben, ist darin der aggressive Kampf wie das friedliche Miteinander aller eingelagert. Küntzels Installation, in der sich auditive, plastische und performative Motive bündeln, ist charakteristisch für das Werk des Künstlers, das sich nicht von Gattungsgrenzen einschränken lässt.

Den kontemplativen ersten Part des Küntzel-Projektes ergänzt ein interaktiver zweiter Part. Auch seine installativen Dispositive fungieren als Referenten, die auf die Kräfte des Fußballereignisses verweisen. Ohne direkte Spiegelung ist der Fußball kritisch darin aufgehoben. Küntzels „Schlafröhre“ bietet dem durch die Wettkämpfe psychisch gestressten Besucher eine temporäre Rückzugsmöglichkeit, die zugleich Temperatur und Temperament der Wettkämpfe charakterisiert. Küntzels „Blutdruck-Messstation“ verweist auf die emotionale Belastung, welcher der Fan während der Spiele ausgesetzt ist. Und Küntzels „Defibrillator“, ein mobiles Gerät zur akuten Behandlung von Herzinfarkten, rückt den Ernstfall eines möglichen break down des Fans noch stärker vor Augen.

Die installativen Dispositive des zweiten Parts nennt der Künstler in seiner Projektbeschreibung „Maßnahmen zur Instandhaltung des Klangkörpers Fan“. Die sanfte Ironie, die in der Etikettierung des Fans als „Klangkörper“ liegt, macht Küntzels artistische Strategie deutlich. Die per Mikrophon in den Klangraum geschleusten Geräusche des Blutdrucks der Fans sowie die sprachlichen Anweisungen des „Defibrillators“ für den Patienten-Notfall verbinden sich mit den erregten Live-Reportagen der Spiele zu einer eindrucksvollen akustischen Collage, in der die Leidenschaften der Akteure ebenso aufgehoben sind wie die der Zuschauer. So gelingt Tilman Küntzel mit seinem „Klangraum“ das Kunststück, Glanz und Elend des Fußballs synästhetisch zu verdeutlichen und zu verdichten.
Michael Stoeber, März 2006

Cottbus

Symposium „Architektur ist Laut“ – zu akustischer Dichte in der Architektur und im öffentlichen Raum.
UNITS FÜR STARE – ZUM LEHREN VON TONFOLGEN
Referat am 30.11.2005
„Akustische Signale in der Stadt“
BTU Cottbus Lehrstuhl Baukonstruktion und Entwerfen

Starengesang ist eine lebhaft drauflos sprudelnde Melodie aus tätig trillernden, zwitschernden, glucksenden Lauten, durchsetzt mit Musik und überlagert mit einer Eigenart charakteristisch knirschender Klangfarbe
aus: Handbuch der Vögel Großbritanniens, 1944

BTU Cottbus Lehrstuhl Baukonstruktion und Entwerfen

Symposium
Architektur ist Laut – zu akustischer Dichte in der Architektur und im öffentlichen Raum.

Referat 30.11.2005
Akustische Signale in der Stadt

Starengesang ist eine lebhaft drauflos sprudelnde Melodie aus tätig trillernden, zwitschernden, glucksenden Lauten, durchsetzt mit Musik und überlagert mit einer Eigenart charakteristisch knirschender Klangfarbe
aus: Handbuch der Vögel Großbritanniens, 1944

Die Natur ist auf dem Vormarsch, sich ihr Terrain von den Menschen zurück zu fordern. Naturkatastrophen der letzten Jahre haben gezeigt, wie blindlings die Menschen in den letzten 2 Jahrhunderten Flussläufe, Küstenstriche oder natürliche Feuchtwiesen verbaut und damit die Kraft der Naturgewalten unterschätzt haben. Auch das Wildleben lernt, sich mit der lückenlosen Urbanisierung des Landes zu arrangieren. Wärmeglocken, die die Städte einhüllen, Müllberge und die Abwesenheit von natürlichen Feinden bieten bessere Bedingungen als flurbereinigte und monokulturell angelegten Agrarlandschaften. Aus Erfahrungen der Flutkatastrophen der letzten Jahre hat man inzwischen eingesehen, den Flüssen ihre ursprünglichen Überschwemmungsgebiete zurück zu geben, so wie auch in New Orleans nach Hurrikan Katrina angedacht wurde, die tiefer liegenden Teile der Stadt als Überschwemmungsareal der Natur zu überlassen. Gleichermaßen sollten auch zukünftige städtebauliche Konzepte die Anwesenheit von Wildleben in den Metropolen akzeptieren und durch bauliche Maßnamen fördern. Denn es bringt auch Nutzen in Sinne einer ökologischen Ausgewogenheit mit sich.

Fröndenberg* / Ruhr

Permante Lichtakustische Installation im Rahmen von „Hellweg – ein Lichtweg“
LIGHTING BLUE
Eröffnung am 30. Juli 2005
Kuratiert von Matthias Wagner K
Planung und Bauleitung: Ing.-Büro Hagen in Menden, Schachtbauwerk Fa. Westrohr in Münster, Tiefbauarbeiten: FA. EVS in Menden, Glasarbeiten: Fa. Heuer und Harre in Dortmund, Medientechnik: Fa. at-medientechnik in Unna, Brunnenabdeckung: Fa. Klostermann in Bestwig, Elektroarbeiten: Fa. Stier in Fröndenberg, Leitungsarbeiten: Stadtwerke in Fröndenberg, Videoüberwachung: Fa. Hormann in Menden.

Stralsund*

9. Festival Garage „Forget it. Don’t trust your archives“
SINGING BALLOONS – HABEN UND HALTEN
22. Juli – 23. August 2005
Garage – Stralsund
Mit Ambiunix, Evelina Domnitch+Dmity Gelfand, Tine Melzer+EW Stemie, Jan Zimmermann, Niklas Roy, Udo Wid, Anna Ramos+Roc Jimenez, Oswald Berthold+Wernfried Lackner+Andreas Pieper, Tilman Küntzel, Sascha Brosssmann+Thomas Goldstrasz, Alexej Paria, Sven König, Joni Taylor+Nis Romer, Sara Kloster+Derek Holzer, Guy van Belle, James Beckett, Ignaz Schick, Paul Jarvis+Garret Thomson, Viuff+Henrik Lundbergh, G.X. Jupiter-Larsen, Stefan Thor, Sven König, Felix Kubin+Wojtek Kucharczyk, Dittrich von Eulen-Donnersperg, Guy van Belle, Klaus Filip, Christiaan Virant, Heribert Friedl, Emmanuel Madan, Derek Holzer+Sara Kloster, Elember Septeventh, Oswald Berthold+Wernfried Lackner+Andreas Pieper, Anna Cees, Alois Huber, Franz Pomassl, Ignaz Schick, Claus van Bebber, sebastian Buczek, Thilges3+Claudia Märzendorfer, dieb13+Billy Rosie, Wikkelt Hooft+Roelf Toxpeus+Justin Bennett, Toshimaru Nakamura+Nicholas Bussmann, John Duncan.
Organisation und Leitung: Gesine Pagels und Carsten Stabenow

Halle (Saale)

Gruppenausstellung „Electric Renaissance“
LÜSTER
3. – 5. Juni 2005
Kaufhaus am Markt
Mit Julius Popp, Alexander Györfi, Richard Grayson, Brian Catling, Tilman Küntzel, Thomas Radisch, Till Exit, Erwin Stache, KLUP7, Guido Hübner – DSM, Labor für Effektforschung.
Katalog

Helga de la Motte-Haber

Helga de la Motte-Haber
Lights and Sounds by Tilman Küntzel
in: Jahrbuch Musikpsychologie, Laaber 2005

Die alltägliche Wahrnehmung ist multimodal. Informationen aus verschiedenen Sinnesorganen sind zu einem einheitlichen Vorgang verschmolzen. Dabei ist einem weder bewußt, wie die Integration geschieht, noch daß die Arbeitsweise der Sinnesorgane nicht gleichsinnig ist. Das Ohr reagiert mit 2 msec. erheblich schneller auf Umweltreize als das Auge, das 17 msec. braucht. Die Integration der Informationen spiegelt oft nicht ihre sensorische Basis, sondern eine Form der Logik, die wir im Laufe des Lebens gelernt haben. Wir sehen erst den Hammer fallen und hören dann den Ton. Wissen um Ursache und Wirkung erklärt auch jene Falschnehmungen, bei denen akustische Informationen räumlich verhoben werden (Bauchrednereffekt) oder zeitlich nacheilende Schallereignisse bei Musikvideos als gleichzeitig mit einem visuellen Ereignis erlebt werden. Diese Logik des Gewohnten läßt zuweilen glauben, das Auge dominiere über das Ohr. Dem widerspricht, daß in den Zeiten, als die unimodale Wahrnehmung zur ästhetischen Norm erhoben worden war, im Wettstreit der Künste durchaus nicht immer das Visuelle dem Auditiven überlegen erschien.

Ein Großteil der Kunst ist heute audiovisuell. Da sich gleichzeitig immer mehr Künstler mit dem Wahrnehmungsprozeß auseinandersetzen, steht auch die Frage der unterschiedlichen Informationsverarbeitung der Sinnesorgane zur Diskussion. Sie spielt in den Arbeiten des 1959 geborenen Klangkünstlers Tilman Küntzel eine wichtige Rolle. Die Routinen, mit denen wir sinnliche Daten interpretieren, sollen irritiert oder durchbrochen werden, um Wahrnehmung dem Erleben zugänglich zu machen. Es gehörte schon immer zum Wesen von Kunst, ästhetisches Vergnügen aus der Differenz zwischen Artifiziellem und Gewohntem entstehen zu lassen. Jedoch ist in der modernen Kunst diese Differenz sehr bedeutsam geworden.

Typisch für Tilman Küntzels Arbeiten sind Kombinationen von Lichtobjekten und Schallereignissen: Lights and Sounds, blinkende Objekte, die gleichzeitig Schall generieren. Darüber hinaus hat er manchmal Klänge und Bilder „falsch montiert“ (Tagesschau mit Trommelwirbel und Flötentönen). Seine Licht-Klanganalogie (1988) wirkt fast wie eine experimentelle Anordnung. Ein Lautsprecher, in den Schirm einer Schreibtischlampe gefaßt, macht hörbar, was wir als konstantes Licht nicht sehen können, nämlich daß der Strom mit einer Frequenz von 50 Hz in den elektrischen Leitungen pulsiert: ein vibrierendes tiefes Brummen wird hörbar. Küntzel hat umgekehrt Töne auch sichtbar gemacht, indem durch den Schalldruck Bewegungen erzeugt werden (Earth Sound 1989). Eines seiner zentralen Themen ist jedoch die Analogisierung von Klang und Licht, wobei deren Parallelschaltung jedoch zu neuartigen Erfahrungen führt. Dabei stehen nicht immer die mentalen Reaktionen im Vordergrund; sie werden jedoch zusätzlich provoziert.

Voll Magie zu sein schien die Neophone Rauminszenierung (2001) mit ihrem rhythmischen Wechselspiel von Licht und Klang. Kunstvoll angeordnete Neonröhren an der Decke, teils hängend,  sowie auf dem Fußboden liegend leuchteten alle zwei bis drei Sekunden für 10 Sekunden auf. Die Röhren auf dem Fußboden flackerten nur phasenweise im Abstand von zwei Minuten. Der dunkle Raum erhellte sich in variablen Gestalten. Er gab immer neue Perspektiven frei. Das bei Leuchtstoffröhren übliche akustische Startsignal war zudem verstärkt und gut hörbar; einige Lautsprecher lagen in Glasbehältern, wodurch diese Signale ihren Klangcharakter änderten. Akustisch ergab sich ein komplexes zeitliches Geflecht, das trotz der Parallelschaltung nicht mit den rhythmisch durch das Licht geschaffenen wechselnden optischen Eindrücken synchronisiert werden konnte. Die Raumwahrnehmung wurde zu einem zeitlich komplexen Prozeß. Alle Raumwahrnehmung integriert Zeit  allein schon durch die Augenbewegungen; eine Raumzeit nehmen wir dennoch nur selten bewußt wahr. Faszinierend an Küntzels Installation war jedoch, daß die analoge Situation von Licht und Klang sich in ein kontrapunktisch rhythmisches Geschehen gleichberechtigter visueller und akustischer Ereignisse verkehrte. Das Licht „explodierte“ zuweilen als Schall. Weil das Ohr Informationen schneller auffassen kann als das Auge, schien aber auch der Klang das Licht zu verursachen, obwohl er durch die Verstärkung und Trägheit der Lautsprecher verzögert gegenüber dem Lichtsignal und zusätzlich örtlich verschoben war. Zu zeigen, wie im einzelnen das Wechselspiel von Auge und Ohr vonstatten ging, war nicht der Sinn dieser Installation, die ästhetisches Vergnügen durch Überraschung bereiten wollte. Damit jedoch die Gleichberechtigung der Sinnesorgane erfahrbar war, wurde eine ursprüngliche menschliche Fähigkeit freigelegt. Wahrscheinlich sind dazu künstlerische Situationen besonders geeignet, weil sie ohnehin geschaffen werden, um eine andere als die gewohnte Sicht auf die Welt zu eröffnen.
H.dlM