Alle Beiträge von Tilman Küntzel

Berlin*

Einzelausstellung
SOUNDS AND LIGHTS
13. Mai – 20. Juni 2004
Singuhr Hörgalerie in Parochial
Kompositionen aus Licht und Klang präsentiert die Singuhr-Hörgalerie zur Eröffnung ihrer neunten Saison in der mehrteiligen Ausstellung Lights & Sounds des in Berlin lebenden Klangkünstlers Tilman Küntzel. Die Klang-Licht-Rhythmen von Neophonie im Glockenraum, in denen Lichteffekt und akustischer Impuls ursächlich zusammenhängen, transformieren den Raum in ein intermediales Environment aus Geräuschen und Neonröhrenflackern. Ein Spiel mit Licht und Schatten, Klang und Stille ist Lüster im Turmsaal – ein Klang-Licht-Objekt, bei dem die Schaltvorgänge von insgesamt 20 Glühlampenpaare eines präparierten Kronleuchters akustisch verstärkt werden. Polyrhythmische Klang- und Lichtprozesse zeichnen die dritte Installation in der ehemaligen Sakristei aus.

Berlin

Festival raumbezogener Künste „Kryptonale 9“
CRYSTAL BUSSING
Achtkanal-Version für 8 Starter, 6 Leuchtstoffröhren und vier Glühlampen.
Wasserturm + großer und kleiner Wasspeicher Prenzlauer-Berg
12. – 21. Dezember 2003
Mit Akuvido, André Bartetzki, Anna Barth, Sonja Bender, Ludger Brümmer, Martin Daske, Blazer Dowlasz, ensemble harmonique, Thomas Gerwin, Boris Herztet, Robin Hoffmann, Jan Jacob Hofmann, Kazue Ikeda, Todd Ingalls, P.O.Jørgensen, KMM Berlin, Tilman Küntzel, Nikola Lutz, Christine Meierhofer, Jakob Riis, Se-Lien Chuang, Johannes S. Sistermann, Elena Sommer, Iris Sputa, Marco Stroppa, Mario Verandi, Philipp Wachsmann, Simone Wachsmuth, Yueyang Wang, Johannes Wallmann, Andreas Weiler, Christian Wolz, Zhenfang Zhang, Katerina Zlatnikova, Christian Ziegler.
Team Kryptonale sind: Karen Bertram, Christine Meyerhofer, Henry, Mex, Iris Sputh, Yueyang Wang.

Groß Leuthen*

Gruppenausstellung „X. Rohkunstbau“
LÜSTER
5. Juli – 31. August 2003
Wasserschloss Groß Leuthen
Mit Norbert Bisky, Micha Brendel, Marta Deskur, Sven Brühl, Sylvie Fleury, Birgit Huebner, Juliane Jüttner, MK Kähne, Jan Kaila, Tilman Küntzel, Boris Mikhailov, Bill Spinhoven.
Kuratiert von Arvid Boellert
Katalog

Gerrit Gohlke

Katalogbeitrag Rohkunstbau X im Wasserschloss Groß Leuthen 2003

Dieser Leuchter ist nicht seriös. Zu blechern legt sich der Bandreif um den schweren gläsernen Behang, über dem ein scharfgratiger Baldachin wie eine wilhelminische Dornenkrone prangt. Die Glastropfen hat man ohne Scheu an prosaischen Eisendrähten aufgefädelt, deren Drahtschlaufen nun wie Fossilien in die Kristalle eingeschlossen sind. Prätentiös bauscht sich der billige Prunk zwischen aufgeschraubten Metallgirlanden nach unten, eine große Geste, die im Inneren von zwei Eisenbändern wie mit Prothesen in Form gehalten wird. Ein solcher Korblüster kann nicht von der Schloßdecke gefallen sein, mit der er unkaschiert durch ein Elektrokabel verbunden ist. Er muß als Täuschung auf dem Parkett drapiert worden sein, damit das Publikum etwas Illustres sieht.

Tatsächlich bekommt es etwas geboten, was man als Allegorie auf die Gegenwartskunst lesen kann: Ein Appell an den Schönheitssinn mit einem Mindestmaß an Ortsbezug; ein Minutendrama als Kuratorenglück, das den Schloßraum zu Groß Leuthen in ein kleines Spektakel verwandelt. Timan Küntzel hat einige solche Installationen gebaut, in denen der Second Hand Glamour ironisch um Aufmerksamkeit heischt, während sich ein unsichtbarer, aber umso präziser hörbarer Dialog hinter den visuellen Effekten verbirgt. Ob es sich um 31 blinkende Weihnachtssterne in einem niedersächsischen Ministerium handelt oder um ein Arrangement aus Neonröhren in der Bremer Städtischen Galerie: Küntzels Installationen reduzieren die Kunst zunächst auf eine sinnfrei blinkende Maschinerie, die von der dekorativen Massenware aus den Restpostenbasaren und Heimwerkergeschäften nicht mehr zu unterscheiden ist und aus der erst im zweiten Schritt eine hintergründige Bricolage-Ironie Störsignale ableiten kann. Das Sichtbare wird hier mit Tonabnehmern observiert, in Schaltkreise eingespeist und mit Bimetallkontakten gesteuert. Kunst wird zur seismographischen Praxis, die den aufgebauten Apparat belauscht und so hinter die Schauseite dringt.

Der Leuchter ist deshalb nicht mehr als eine genußvolle Geste, ein Spiel mit dem Sehsinn und der Erwartungsfreude des vorüberflanierenden Publikums, er ist die eilige Metaphernmaschinerie, in der Kronleuchter und Schloß eine assoziative Paarung ergeben. Erst hinter dem Glasbehang verbergen sich die elektronischen Innereien. Vom preußischen Baldachin werden die Kabel nicht direkt zu den Glühbirnen geführt. Sie verzweigen sich zunächst zu einem Netz von Neonröhrenstartern, die nach einer technischen Manipulation die Glühlampen mit Strom versorgen. Die Starter werden von wärmeempfindlichen Kontakten in nervöse Aktivität versetzt. Die Glühbirnen leuchten auf und erlöschen. Der Raum ist von einem systematischen, regelmäßigen Flackern erfüllt, das vollkommen sinnlos bleibt, aber von den Wänden her ein akustisches Echo erhält. Ein leiser und beiläufig hoher Ton, der halb einem angestoßenen Glas, halb einer gezupften Gitarrenseite gleicht, wird in den Startern erzeugt und mit den übersteuerten Tonabnehmern zu einer Serie trichterförmiger Lautsprecher übertragen. In dem überempfindlichen Sound mischt sich die Resonanz der Schritte im Raum mit dem Widerhall einer selbstgenügsamen Apparatur. Die Bewegungen des Publikums verschmelzen mit der maschinellen Aktivität des Dekors, werden zum Bestandteil der Kunst und zum Hinweis auf die Unbeständigkeit und Prozeßhaftigkeit der ästhetischen Aufmerksamkeit.

Bei aller Theatralik der Kulisse, den vernagelten Fenstern mit ihren kalkuliert inszenierten Lichtdurchlässen oder dem aufgebahrten Leuchter im feudalen Raum, siegt so der Klang über das Licht, und mit ihm ein ephemerer, hinter den Kulissen erzeugter Prozeß über den Augenschein. Das Sichtbare ist bei Küntzel immer vom Absurden bedroht. Lautsprecher auf Biergartenlampen, perforierte Schlosserbleche auf nackten Wänden oder ein prahlerisches Seventies-Werbeschild mit der Aufschrift „Lights & Sounds by Tilman Küntzel“ zitieren Komödie und Farce. Es sind Zeichen für die Absurdität und Komik ästhetischer Formalität, an der nicht die schnell erfaßbaren Oberflächen, sondern die Schnitt- und Schaltstellen die Aufmerksamkeit der Betrachter verdienen. Die Kunst unterläuft hier ihre eigenen Gesten. Sie fordert eine Wahrnehmungshaltung wie gegenüber der Natur. Nicht nur in Küntzels akustischen Landschaftsinterventionen, sondern auch auf dem Schloßparkett sieht man so dem Ästhetischen eine Zeit lang bei der Arbeit zu. Ein bißchen ist das wie Singvögel zu belauschen. Man läßt sich aufhalten und bleibt Passant. Die Kunst ist dabei dem Kitsch, den sie sich zunutze macht, nicht überlegen. Sie erreicht aber etwas, was den Massenprodukten und Dekoren unmöglich ist: Sie setzt lokale Aufmerksamkeit frei und erzeugt so eine transitorische Autonomie. Gut zu wissen, daß das Ästhetische nicht blinkt oder in durchschlagenden Metaphern aufblitzt – sondern ein Störgeräusch ist.

© Gerrit Gohlke, Juni 2003

 

Hula Hoop

Rohkunstbau X

Das Wasserschloss Groß Leuthen war nach dem Krieg ein Hort für im Krieg verwaiste Kinder. In Archiven befinden sich erschütternde Berichte von Kindern, die alle Bezugspersonen verloren hatten und mutterseelenalleine aufgefunden wurden. Teilweise wußten sie nicht einmal ihren Namen, geschweige denn, dass sie über Ihr Erlebtes berichten konnten. Mit meinem Projekt möchte ich an diese Schicksale erinnern.
hulahoop_jungehulahoop_maedchen
An der Seeseite soll ein ca 3,50 im Durchmesser großer Ring (Hula Hoop Ring) durch zwei über Eck liegende Fenster hindurch gelegt werden. Im Inneren des Rings befindet sich ein Bällchen, das wiederum eine kleine Glocke beinhaltet. Mithilfe eines Kompressors soll ein zirkulierender Luftstrom in dem Ring erzeugt werden, der den Ball in Rotation versetzt. Der Klang der Glocke wandert somit kontinuierlich durch den Ring, dreht so seine Bahnen und verbindet das Innen mit dem Außen.

Solar Knocker Grimma

Solar Knockers sind Elemente, bestehend aus Solar-Modulen, Kondensatoren und Magnetschaltern, die Gläser zum Erklingen bringen. Durch die Intensität des Sonnenlichts wird Energie in einen Kondensator geladen. Ist ein bestimmter Pegel ereicht, entlädt sich die Spannung durch einen Hubmagnetschalter, der die Gläser anschlägt. Dadurch wird ein kurzer Ton hörbar, dessen Klang von der Form des Glases abhängt. Die Dichte der erklingenden Töne wird durch die Intensität des Sonnenlichts beinflusst. Ist der Himmel mit Wolken bedeckt, kommt es ca. alle 6 bis 10 Minuten zu einem Impuls, bei direkter Sonneneinwirkung bereits alle 20 Sekunden. Das Zusammenspiel aller Elemente bildet eine aleatorische Polyrhythmik.

Units für Stare zum Lehren von Tonfolgen

Die Installation Units für Stare zum Lehren von Tonfolgen ist ein konzeptionelles Projek und pseudowissenschaftliche Versuchanordnungt. Sie besteht aus fünf Elementen, die optisch an Nistkästen erinnern und wie diese über eine Sitzstange verfügen. Setzt sich ein Vogel darauf, löst er damit eine Klangfolge aus, die von einem Lichtspiel aus verschiedenfarbenen LEDs begleitet wird. Die Funktionsweise und der Einsatz dieser Elemente ist an Erkenntnisse der Bioakustik angelehnt, in der das Hören, Imitieren und Rezitieren von Klängen der Umwelt bei Singvögeln erforscht wird. Worauf ich in meiner Beobachtung verzichte, sind die kontrollierten Bedingungen, durch die eine solche Versuchsanordnung zu wissenschaftlich relevanten Ergebnissen führen könnte. Die Installation stellt ein Angebot an die wild lebenden Vögel dar, ihr Gesangsrepertoire zu bereichern.