Stare am Berliner Dom auf der Museumsinsel beobachtet von Tilman Küntzel 2003
Stare am Berliner Dom auf der Museumsinsel beobachtet von Tilman Küntzel 2003
2. Erlanger Hörkunstfestival
NEOPHONE INSTALLATION FÜR DEN SÄULENGANG
7. – 9. Februar 2003
Säulengang im Markgrafentheater
Mit Palindrome Performance Gang, Werne Cee, Perlonex, Syndikat Gegenlärm, Stefan Pötzsch, Wolfang Hamm, Maharok, Thilo Graham+Norbert Küber, Ferdinand Försch.
Sound collage. A tribute to John Cages piece „4.33 min“.
It discribes the rotation of the earth during the 4.33 min. of silence messured by the foucaultic pendulum. The end of 4.33 min. is maked by a falling block.
Gruppenausstellung „Blind Date“
Projekte an der Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst
THE GLOBE
2. November – 1. Dezember 2002
Brandenburgischer Kunstverein Potsdam e.V. im Kutschstall
Malte Brekenfeld – Deutsches Institut für Ernährungsforschung,
Tilman Küntzel – Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung,
Via Lewandowsky – Fraunhofer Institut für Biomedizinische Technik,
Igor Sacharow-Ross – Geoforschungszentrum Potsdam,
Susanne Weinrich – Max Planck Institut für Gravitationsphysik.
Kuratiert von Boris Kramer
Preisträgerausstellung des 1. Deutschen Klangkunst-Preis
SEISMOPHONIE
Hörbarmachung seismischer Bewegungen – Echtzeit-Installation
22. September 2002 – Juli 2003
Preisträger: Georg Klein, Tilman Küntzel, Alexander Rüdiger Titz.
Mit Werner Cee, Rilo Chmielorz, Roswitha von den Driesch/Jens-Uwe Dyffort, Helmut Lemke, Andreas Oldörp, Ed Osborn, Martin Riches, Johannes S. Sistermanns.

Mit dem Konzept der Lautstärke-Display-Skulptur wird eine Interaktion zwischen Verkehrsteilnehmern und Objekt hergestellt. Die Annäherung einer Person bzw. eines Kraftfahrzeugs an den Kreisel wird durch Richtmikrophone registriert, die sowohl auf die einmündenden Straßen als auch auf den Rundum-Verkehr um die Insel herum ausgerichtet sind. Der Lautstärkepegel der sich nähernden Verkehrsteilnehmer generiert ein Lichtspiel, in dem die Intensität der Lautstärke in verschiedenen Farben, in dem Regenbogenfarben von blau (leise) über grün, gelb, orange und rot (laut), umgesetzt wird. Die Empfindlichkeit der akustischen Steuersignale wird durch Gleichrichtung, Glättung und Logarithmisierung auf ein den Stufen der Skulptur entsprechendes Spektrum umgerechnet und wird so der Charakteristik der jeweiligen Klanglandschaft gerecht. Bei ruhiger Verkehrslage werden damit auch allgemeine Umweltgeräusche wie die Geräusche von Fahrradfahrern oder Passanten sowie das Singen der Vögel angezeigt. Das Lichtspiel wird immer an der Seite der Display-Skulptur angezeigt, an der sich der Verursacher befindet. Umfährt ein Verkehrsteilnehmer den Kreisel, wandert das Lichtspiel auf der Höhe des Fahrzeugs mit.

Das Anzeigedisplay ist als Rundum-Display konzipiert, in dem die einzelnen Pixel der Matrix voneinander getrennt sind und in verschiedenen Anordnungen wieder zusammengestellt werden können. Damit ist eine Variationsvielfalt gegeben, die es ermöglicht bei der Realisierung auf die örtlichen Gegebenheiten einzugehen, wie: Berücksichtigung der botanischen Gestaltung (die weiterhin bestehen soll), noch nicht gebauter Kreisel und Kostenfaktor. Um größtmöglichen Schutz vor Umwelteinflüssen und Vandalismus zu gewährleisten, bestehen die leuchtenden Elemente aus Stangen, in die das Licht von unten hinein strahlt. Das obere Ende ist im Winkel von 45º abgeschnitten und die Schnittkante angeraut, womit diese zur Projektionsfläche wird. Von vorne gesehen erscheinen die Schnittkanten als Quadrate, deren projizierte Farben auch bei Tageslicht sichtbar sind. In meinen optionalen Modellen sind die einzelnen Pixelstangen pyramidenförmig, sowie freistehend angeordnet, einmal aus massiven Glasstangen bzw. aus Verbundglas zusammengesetzt und einmal aus Eisen- bz
w. Aluminiumstangen bestehend mit mattiertem Glasaufsatz als Projektionsfläche.

In der Kegelvariante befinden sich die verschiedenfarbigen Lampen in dem Boden und dem Deckel des Kegels. In der Mitte bildet gebogenes, mattiertes Glas die Projektionsfläche. Im Gegensatz zu den Objekten aus einzelnen Pixelstangen mischen sich hier die Farben in dem „optischen Hallraum“ des Kegels. Die Signale der einzelnen Mikrofonkanäle werden hier zu einem Gesamtsignal zusammengefasst.
Kunstwettbewerb Verkehrskreisel Bergkamen 2002
LAUTSTÄRKEPEGELDISPLAY-SKULPTUREN
2002
Jury: Thomas Grziwotz, Richard Heinzel, Martin Henatsch, Uwe Roth, Raimund Stecker, Manfred walz, Rüdiger Weiß.
Mit Susan Chorprnning, Gina Lee Felber, Felix Stephan Huber+Florian Wüst, Andreas M. Kaufmann, Tilman Küntzel, Maik+Dirk Labbert, Joelle Tuerlinckx.
Künstlerische Leitung: Martin Henatsch + Tanja Muschwitz
Die Entwicklung der avancierten Künste ließe sich erzählen als eine fortlaufende Geschichte der artistisch nobilitierten Dinge des Alltags. Wann und womit auch immer diese Geschichte beginnen mag, zu ihrer Fabel gehören das Tapetenstückchen im Tafelbild, das zubetonierte Automobil, der leere Flaschentrockner, das Fett und die Ecke, das partiturgeregelte Heulen der Sirenen, die auf Schallplatte fixierten Traktorenmotoren und quietschenden Stühle, das gerahmte Brandloch, alles von und mit der Eisenbahn, das labyrinthisierte Einfamilienhaus, der skulpturale Nagel, die mikrophonierte Neonröhre, die abgerüstete Kriegsrakete…
Kein Ding des Alltags ist vor den Künsten sicher, selbst das Arsenal lebensnegierender Gegenstände nicht. Die Gesellschaftsprodukte, vermeintlich einem besseren Leben zugedacht, das oft genug dann ja in ein schlechteres umschlägt, sind stets auch Kunst-Materialien. Und sie sind das nicht mehr nur potentiell, sondern tatsächlich. Das ist gut so. Denn gerade die künstlerisch transformierten Banalitäten sind es, die uns vor dem banalen, unreflektierten, bisweilen gar gefährlichen Umgang mit denselben zu schützen vermögen, zumindest aber darauf aufmerksam machen. Ohne die Analysen des Alltags durch die Künste, ohne ihr Spiel mit den meist zum Spielen nicht geschaffenen Objekten bliebe vieles verborgen, achtlos, unbemerkt. Fragen, die dringend zu stellen sind, kämen nicht auf, Fragen, die in die Zukunft weisen, Fragen, die aus der Alltäglichkeit samt seiner alt-neuen, neu-alten Gegenstände und Handlungen resultieren, Fragen und Themen, die das Zentrum bilden von Tilman Küntzels intermedialer Kunst, einer weitläufigen Alltagskunde, einer unerläßlichen sozialen Seismographie.
Vorwort im Katalg: Strukturgeneratoren und andere Allegorien,
monographischer Katalog zum Werk Tilman Küntzels,
Saarbrücken 2002
Im Dilog mit den Vögeln
In einem Gartencafé konnte man sie belauschen. Die Nachtigall, die Singdrossel und Tilman Küntzel hatten dort ein fröhliches Stelldichein. Während die beiden Damen virtuos ihre äußerst variationsreichen Strophen sangen, pfiff Küntzel ganz nach Vogelart daher. IM DIALOG MIT DEN VÖGELN, so der Titel dieser Installation (Münster 1994), ist ein vom Künstler eingefädeltes Tonband-Rendezvous. Die Laute der Nachtigall, der Singdrossel und das Pfeifen des Künstlers wurden über drei Lautsprecherkanäle wiedergegeben, wobei Küntzel die Audiospuren unabhängig voneinander laufen ließ, so daß der Wechsel und das Aufeinandertreffen der Phrasen zufällig war und immer neue Melodien sich bildeten..
IM DIALOG MIT DEN VÖGELN ist ein Motiv, das Tilman Küntzel immer wieder beschäftigt und das er auf ganz verschiedene Art und Weise gestaltet. Mit sehr reduzierten Mitteln arbeitend, gelingt es ihm dabei, Situationen zu schaffen, die das Verhältnis von Mensch und Natur hinterfragen und damit einen Problemkreis berühren, mit dem sich die Kunst wie die Gesellschaft auseinander zu setzen hat. Als unmittelbare Lautäußerung ist der Vogelgesang eine typische Hervorbringung der Natur und daher geeignet, diese zu repräsentieren. Für den Menschen ist er aber auch Zeichen des kreatürlich Lebendigen und symbolisiert das Ursprüngliche. Dies läßt ihn gerade heute nicht nur als eine Naturerscheinung vorhanden sein, sondern er wird motivischer Träger der Möglichkeit einer Reintegration des Menschen in die Natur und erlaubt eine Identifikation mit der Natur.
Bei Athanasius Kircher war es noch die naturgegebene Kunstfertigkeit des Vogelgesangs, die vor allem faszinierte. So hatte insbesondere der Gesang der Nachtigall lange Zeit musikalischen Vorbildcharakter. Kircher schrieb in seiner Musurgia Universalis (1650):
Billich hat die Natur in der Nachtigallen gleichsam ein vollkommene Ideam der gantzen Music-Kunst vorgestellt auf daß die Capellmeister von derselben lernen sollen wie ein vollkommenes Gesang zu ordiniren wie die moduli in der Gurgel zu formieren.“1
Zugunsten der Autonomie der Kunst verlor jedoch die Imitation von Naturlauten nach und nach an Bedeutung; einher ging die zunehmende Entfremdung des Menschen von der Natur mit einer umfassenden Wandlung des Naturbegriffs. Gegenwärtig kann man jedoch feststellen:
Nie haben die Vögel so schön gepfiffen wie in der Musik des 20. Jahrhunderts, wo die Nachahmungsästhetik als ein längst zugeschlagenes Kapitel der Musikgeschichte erscheint. Mit solcher Nachahmung von Naturerscheinungen in der Musik des 20. Jahrhunderts verbindet sich, was in der Renaissance- und Barockmusik noch gar nicht möglich gewesen wäre, ein Zweifel daran, ob ein rein fiktionales Prinzip eine ausreichende Fundierung von Kunst ermögliche. Sofern Rückgriffe auf ältere ästhetische Anschauungen erfolgen, so zeigen sie zugleich auch, daß das Spannungsverhältnis von Kunst und Natur größer geworden ist. Das läßt die Vögel auch intensiver pfeifen.2
Zunächst fällt der Blick auf das kompositorische Schaffen von Olivier Messiaen, dessen mimetische Aneignung der Natur, vor allem des Vogelgesangs, in erster Linie religiös motiviert war. Ein ganz anderes Feld erschloß sich allerdings auch durch die technische Möglichkeit einer akustischen Reproduktion der Natur durch Schallaufzeichnungen . Um 1900 wurden die ersten Aufnahmen von Vogelstimmen gemacht. Bald gehörten diese in das Repertoire der Geräusch-Archive von Rundfunksendern. Mit Pierre Schaeffer, der aus diesem Fundus schöpfte, wurde der Vogelgesang zum Klangobjekt und seither zählt er zum Vokabular der elektroakustischen Musik. Als Klangobjekt zeichnet sich der Vogelgesang durch seine genuin musikalischen Eigenschaften aus, davon untrennbar ist sein Indizcharakter und seine symbolische Bedeutung. Dieses Phänomens bedient sich auch Tilman Küntzel in seinen Installationen.
Im Sommer 1994 wählte Küntzel für eine Ausstellung des International Art Center in Poznan mit dem Titel „Nichts liegt uns ferner“, zwei große Bäume, in deren Geäst er je einen Lautsprecher plazierte, um – NACHTIGALL TRIFFT SINGDROSSEL – von einem den Gesang der Nachtigall und vom anderen den der Singdrossel erklingen zu lassen. Die Besucher waren wohl überrascht und entzückt, doch bald auch verwundert über die ungewöhnliche Präsenz der beiden Vogelstimmen, denn „auto reverse“ ergab sich ein unermüdliches Duett. In der Natur ist solch ein Zusammentreffen der beiden Singvögel äußerst unwahrscheinlich. Die seltene Nachtigall mit ihrem berühmten Gesang ist meist nur bei Nacht zu hören und liebt das dichte Unterholz. Die Singdrossel dagegen tönt meist von den Baumspitzen und gehört zu den auffälligsten und lautesten Sängerinnen in Wald und Park. Die Saison beider Vögel ist natürlich der Frühling; nur für knapp drei Monate gastiert die Nachtigall konzertierend in Mitteleuropa, spätestens Anfang Juli verstummt ihr Lied, im September zieht sie ins warme Afrika.
Mit seiner Installation NACHTIGALL TRIFFT SINGDROSSEL schuf Tilman Küntzel hier künstlich eine Situation, die zunächst Natürliches vortäuschte. Um die Aufmerksamkeit der Besucher zu wecken, genügt es nicht, ein naturgetreues Bild zu erstellen. Es ist die Wahl sehr markanter Naturlaute und deren ungewöhnliche Präsenz, die Beachtung hervorrufen. Zudem wurde der Vogelgesang hier im Kontext der Kunst bzw. als Kunst präsentiert. Die Installation gab schließlich die Möglichkeit, in den Genuß eines außergewöhnlichen Konzertes zu kommen. Gleichzeitig barg sie aber auch hypothetisch die Aussage „Nichts liegt uns ferner als die Natur“ und pointierte damit das Motto der Ausstellung des International Art Center in Poznan.
Ganz ähnlich verfuhr Tilman Küntzel bei seiner Installation LERCHENFELD/FELDLERCHE (Hamburg 1992). Mit dieser wollte er daran erinnern, daß dort, wo sich jetzt die Hochschule für bildende Künste befindet, an der er selbst studiert hatte, einst eine Feld- und Wiesenlandschaft bestanden haben mag, in der die Lerche ihren Lebensraum fand. Küntzel hatte dafür an der Hausfront des Innenhofes, versteckt im wilden Wein, zwei Außenlautsprecher angebracht. Durch deren Positionierung sollte erreicht werden, daß die Klangquelle phantomartig direkt über der Wiese vor dem Haus wahrgenommen wird und so der Anschein erweckt werde, der zu hörende Gesang der Feldlerche sei nicht eine akustische Reproduktion, sondern natürlichen Ursprungs. Wer in Hamburg an dieser Kunsthochschule studiert, studiert „am Lerchenfeld“, so der Volksmund. Küntzel, inspiriert durch diesen Sprachgebrauch, gab dem „Lerchenfeld“ schließlich seine Feldlerche und damit der namentlichen Benennung den ursprünglichen Bezug zurück.
Die Feldlerche gehört zu einer Charakterart der offenen Landschaft, in Feldern und Wiesen sucht sie ihren Brutplatz. Minutenlang singt sie ihr trillerndes Lied, über ihrem Revier schwirrend und ohne es mit einem Atemzug zu unterbrechen. Das Liebeswerben, ihr heiteres Jubilieren weisen sie als Botin des Frühlings aus, als Minnesänger der Lüfte und Himmelspilger galt sie den Dichtern. Der Gesang der Lerche, der Nachtigall und anderer Singvögel wird als natürlich und künstlich zugleich empfunden. Wobei die Lautäußerungen der Vögel sowohl als eine natürliche Sprache verstanden werden, die rein emotional und instinktiv, d. h. ohne semantische Inhalte ist, wie auch als Musik, die unmittelbar dem Natur-Dasein entspringt. So wird der Vogelgesang zu einer Art Metapher, die das Ursprüngliche und das Elementare der Kunst wie des Lebens umschreibt. Auch für Küntzel ist ein Vogelkonzert in freier Landschaft schon immer ein ganz besonders musikalisches Ereignis gewesen. Auf dem Lande seine Kindheit verbracht, sind ihm die fröhlichen gefiederten Gesellen sehr vertraut. Das Thema der ästhetischen Erfahrung von Natur, dem sich Küntzel hier „am Lerchenfeld“ gewidmet hat, spielte jedoch auch während seines Studiums an der Kunsthochschule Hamburg eine große Rolle.
Für die Kunst ist das Naturstudium bis heute wesentlich, obgleich die Natur längst nicht mehr den Charakter eines idealen Vorbildes hat, das Naturschöne nicht mehr Maßgabe der Kunst und das Nachahmungspostulat ohne Gültigkeit ist.
Die Zwiesprache mit der Natur bleibt für den Künstler conditio sine qua non. Der Künstler ist Mensch, selber Natur und ein Stück Natur im Raume der Natur. Es wandelt sich nur je nach der Einstellung des Menschen in bezug auf seine Reichweite innerhalb dieses Raumes die Zahl und die Art der zu begehenden Wege […].3 Früher schilderte man Dinge, die auf Erden zu sehen waren, die man gern sah oder gern gesehen hätte. Jetzt wird die Relativität der sichtbaren Dinge offenbar gemacht und dabei dem Glauben Ausdruck verliehen, daß das Sichtbare im Verhältnis zum Weltganzen nur isoliertes Beispiel ist und das andere Wahrheiten latent in der Überzahl sind. Die Dinge erscheinen in erweitertem und vermannigfachtem Sinn, der rationellen Erfahrung von gestern oft scheinbar widersprechend. Eine Verwesentlichung des Zufälligen wird angestrebt.4
So hat es Paul Klee zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr treffend formuliert. Die Wege des Naturstudiums und die Arten der Anschauung eines Gegenstandes sieht er in metaphysischem Zusammenhang, und den Künstler betrachtet er als Schöpfer neuer Natürlichkeit. Daß das Verhältnis Mensch – Natur problematisch und die Kunst in eine Sackgasse geraten war, verdeutlicht er in seiner berühmten Zeichnung Die Zwitscher-Maschine (1922). Das Abbilden irdischer Dinge konnte für Klee nur noch den Geist trösten, ermunternde Zustände vortäuschen oder die von instinktgeborgten Reizen beschwingte Phantasie anregen. Die Subjektivität der Wahrnehmung und Erfahrung, der Zweifel am objektiven Sein, am natürlich Gegebenen, prägte Klees Œuvre, wo „ethischer Ernst waltet und zugleich koboldisches Kichern“.5
Tilman Küntzels Klangskulptur MANN AM SEE (1989) erscheint wie eine Hommage an jenes Welterleben und in der Art ihrer figürlichen Abstraktion und fragmentarischen Erscheinung erinnert sie an die phantasievollen Figurenspiele und Selbstbildnisse Paul Klees, obgleich kunsthistorisch keine Brücke zu schlagen wäre. Bei Klee steht das „innere Auge“ symbolisch für eine verinnerlichende Anschauung, die über die äußere Erscheinung hinaus zu einer Vermenschlichung des Gegenstandes führt, „die das Ich zum Gegenstand in ein über die optischen Grundlagen hinausgehendes Resonanzverhältnis bring[t].“6 Die Zwiesprache mit der Natur gleicht bei Klee einem dynamischen Zustand, einem Zustand zwischen Traum und Realität, könnte man sagen. Mit dem MANN AM SEE wollte Tilman Küntzel nun dem Moment des wachen Träumens beim Anblick von Fischschwärmen, Vögeln, Wasser und Wolken, ein Denkmal setzten. Das Objekt besteht aus einem Holzkorpus in Form einer menschlichen Figur als Resonanzkörper, der auf einer Spirale in einem Betonsockel verankert ist und aus dessen Kopf lange Edelstahldrähte ragen, die mit einem Steg im Inneren des Korpus verbunden sind. Am Ende der Drähte sind kleine Figuren befestigt, die die Form von kleinen Fischen haben und die laut Küntzel „dem Salzgebäck „Fischli“ ähnlich sind.7 Durch Windbewegungen werden nun Korpus und Drähte in Bewegung gebracht. Die vielen „Fischlis“ stoßen aneinander und erzeugen diffuse Geräusche. Diese werden auf den Resonanzkörper (die menschliche Figur) übertragen und treten durch die Schallöcher, die Küntzel – berechnet nach den Regeln der Instrumentenbaukunst– in Form eines Spazierstocks durch Decke und Boden brach, heraus und werden als Resonanzklang hörbar. Der MANN AM SEE symbolisiert damit gewissermaßen die sinnliche Wahrnehmung, das leibliche Sich-befinden des Menschen in der Natur. Zugleich wird die Natur, hier selbst Mitspielerin der Kunst, auch als Quelle musikalischer Inspiration vorgestellt.
Die Klangskulptur bot Tilman Küntzel später das Modell für den Entwurf einer Arbeit in offener Landschaft, die dann allerdings doch nicht realisiert werden konnte. Als Figur übermenschlicher Größe, hätte der MANN AM SEE noch einmal einen anderen Charakter erhalten, würde zu einem Monument ganz eigener Art werden. Vom Rauschen des Windes heftiger erfaßt, würden die Fischfiguren gewaltiger aneinander stoßen und der voluminöse Korpus des MANNES AM SEE würde in tiefer, weittragender Frequenzlage resonieren. Wie der, als Zeichen kultivierter Annäherung an die Natur, aus dem Holzkorpus herausgeschnittene Spazierstock, so würde die menschliche Figur einen langen Schatten werfen, der sich wie ein Loch in die Landschaft gräbt und eine ähnlich bedrohliche Wirkung hervorruft, wie die gegenständlich fremdartigen Fügungen der surrealen Landschaften René Magrittes.
Traumhaft oder traumatisch – die Zwiesprache mit der Natur erhält jedenfalls heute noch einmal eine andere Qualität. Sie ist mit einem fundamentalen Problem verbunden, das den Naturbegriff ebenso wie das Verhältnis des Menschen zur Natur betrifft. Die Frage, was eigentlich Natur sei, scheint ungelöst. „Natur“ ist längst ein soziales und historisches Produkt des Menschen, man findet entweder eine vom Mensch belassene oder vom Mensch geschaffene Natur vor. Die Trennung von Natur und der Kultur bzw. Zivilisation des Menschen wird viel diskutiert, jedoch wird sie auch gepflegt, indem beidem ein Platz zugewiesen wird, um dann kostspielig Nischen der Begegnung und Versöhnung zu entwerfen. Ein Großteil der Weltbevölkerung lebt und arbeitet in Städten, für sie stellt sich die Natur anders dar. Mit seinem Projekt DIE VÖGEL TORONTOS versuchte Tilman Küntzel darauf aufmerksam zu machen. Innerhalb des Zeitraumes 25. September bis 31. Oktober 1998 wurden in Toronto lebende Ornithologen aufgerufen, zu bestimmten Orten in der Stadt Toronto zu gehen, dort Tonaufnahmen von Vogelstimmen zu machen, dann nach Hause zu gehen und die Aufnahmen abzuspielen. Nicht also, wie üblich, das Vogelreservat und die „freie“ Natur sollten unter Beobachtung stehen, sondern die Stadt Toronto. Der Untersuchungsgegenstand ist ein „Wildleben“, das sich, einst von der Zivilisation verdrängt, seinen Lebensraum zurückerobert. Jedoch nicht als offensiven Feldzug, sondern vorsichtig tastend, bahnte die praktische Suche den Vögeln einen Weg in die Stadt. Das „Ideal“ eines Lebensraumes kennen die Vögel nicht, sie sehen die Welt, wie sie eben ist, richten sich darin ein, soweit und so gut es ihnen möglich ist. Welche Bedingungen dabei erfüllt sein müssen, inwiefern die Vögel sich an die Gegebenheiten der Stadt anpassen oder diese aktiv umgestalten, wie sie ihr Leben entsprechend einzurichten verstehen oder ob sie dabei kurz- oder langfristig in eine für sie unvorhersehbare bedrohliche Falle geraten, bleibt noch unklar. Jedenfalls sind sie nicht nur in den Parks und Grünanlagen, auch an Bahngleisen, Autobahnen, Verkehrsknotenpunkten, auf Plätzen innerstädtischen Menschengetümmels oder der rostigen Teppichklopfstange im dritten Hinterhof eines Mietshauses zu beobachten. So mancher Vogel erfindet hier sein ganz eigenes Lied, geprägt von der schnarrenden Haustürklingel oder dem läutenden Telefon. Doch auch das Versammeln ganzer Vogelscharen ist in der Stadt nicht selten und ein sehr beeindruckendes Ereignis. Akustisch ergibt sich dabei ein hybrides Konzert, ein Mix aus Vogelstimmen und Verkehrsgeräuschen, das den geteilten Lebensraum von Mensch und Tier schallend, einfach als einen gemeinsamen kundmacht. – Kein Zweifel!
Eine Kuh ist lila, und aus ihrem Euter fließt cremig leckere Schokolade. Papas Handy macht die Musik, und Mamas purpurne Rosen wachsen im Badezimmer, wo sie einerlei herumduften und auch einen Sturz in die volle Wanne nicht sonderlich übel nehmen (getestet!). Mein Hobby ist „Pitti“, der ist blau und hat eine Schaukel in seinem Käfig. Am liebsten frißt der die rosa Cracker (die mit dem Erdbeergeschmack). Meinem Bruder geht er auf die Nerven, deshalb muß Pitti im Käfig bleiben, aber dafür habe ich zum Geburtstag ein Delphin-Poster bekommen, daß viel, viel größer ist, als sein blödes Fußball-Plakat (!).
So oder so ähnlich, die dahin geplauderten Wahrheiten der „Kleinen“ unserer Species, die ganz unvermittelt gesellschaftliche Verhältnisse zu spiegeln scheinen. Nun, sie gehören zum Alltag und als solche sind sie Thema der Kunst, wenn auch in stilisierter Form.
Tilman Küntzel, der bei seiner Arbeit diverse Fundstücke menschlicher Zivilisation und Objekte kultureller Prägung herausgreift, macht auch diese zu Gegenständen ästhetischer Erfahrung, wobei sich ihre Erscheinung nicht selten als fremd, im Sinne von komisch, bizarr oder absurd, offenbart. Sie zeigen, daß die Aneignung der Natur wie die Zwiesprache mit der Natur ganz eigene Wege geht. So verzichtete Küntzel in seiner Installation IM DIALOG MIT DEN VÖGELN (Kunstverein Springhornhof 1999) ganz auf authentische Vogelstimmen. Statt dessen brachte er in dem Giebel der Scheune vor dem Ausstellungsgebäude einen Lautsprecher an, der dort, auf roten Gartenharken-Krallen harrend, den Besucher erwartete und ihn mit pfeifenden Vogelstimmen-Imitationen empfing. Der zweite Teil der Arbeit zeigte mehrere Uhren gleichen Typs, die Küntzel in einem „Kitsch“-Laden erworben hatte. Auf dem Zifferblatt dieser Uhren sind zwölf verschiedene Vögel illustriert, die mit den entsprechenden lateinischen Gattungs- und Artennamen bezeichnet sind. Schlägt eine volle Stunde, werden Sequenzen von einem eingebauten Chip abgerufen, die Vogelgesang simulieren. Die Qualität dieser sythetisierten Klänge ist äußerst schlecht, so daß sie nur noch sehr entfernt an echte Vogelstimmen erinnern. Scheinbar ist es allein der Gestus, der genügt, mit dieser Uhr „Natur“ ins Haus zu holen. Er bedeutet Trost über den Verlust der Natur, mit dem „Placebo-Effekt“ der Vergewisserung, daß es sie gibt, daß sie funktioniert und daß die Vögel täglich einerlei singen werden – sofern man ab und zu auch die Batterie wechselt. Auf diesen „Biorhythmus“, der vermeintlich auch Pawlowsche Verhaltensmuster zur Folge haben würde, konnte sich der Ausstellungsbesucher allerdings nicht einstellen. In der Installation wurden die Uhren ganz willkürlich geeicht, zufällig schlug bald diese, bald jene Stunde, „sang“ dieser oder jener Vogel. Unter dieses künstliche Getöne mischte sich schließlich noch das „virtuose“ Gezwitscher von Spielzeugvögeln, die auf einer Stange sitzend, dabei wild mit den Flügeln schlugen und lustig vor sich hin wackelten. Sie rezitierten sogar motivische Phrasen Beethovens! Es ahmt der Mensch hier nicht nur den Gesang der Vögel nach, nein, die Vögel ahmen auch die Musik des Menschen nach. Der DIALOG MIT DEN VÖGELN funktionierte übrigens perfekt. Mit Sensoren ausgestattet, die auf Schall reagieren, brauchte man nur mit den Fingern zu schnipsen, und schon brachte das Vögelchen sein Ständchen. Von den mechanischen Vögeln gleichermaßen kommentiert, wurden auch die arteigenen Signale der Uhren. Tilman Küntzel hat hier eine Zwitscher-Maschinerie vorgestellt, die sich Paul Klee auch im Traum nicht hätte vorstellen können. Zwar sind dergleichen Erfindungen mit dem Beginn der Neuzeit nichts außergewöhnliches mehr, aber als „Verkaufsschlager“ sind sie heute weder der Nachahmung noch dem Wetteifern mit der Natur entsprungen, schon gar nicht wären sie in der Lage, nur irgend einen pädagogischen Zweck zu erfüllen. Sie sind billig zu haben und erfreuen wenigstens noch den spontanen Gast, wenn die eigene Lust an dem Objekt erloschen ist, das nur noch Trübsal bläst.
Hinaus also, in die Natur! Das wäre eine Alternative, die auch Tilman Küntzels jüngste Arbeit vorsieht: WENN ICH EIN VÖGLEIN WÄR‘. Für den Landkreis Lüneburg erdacht, gemahnt es jene Büro- und Verwaltungsangestellten der Stadt an die eigens vorhandene und auch begehbare Naturlandschaft. Küntzel entwarf jedoch kein Elbmarsch-Aquarell, sondern ein Gegenbild. Es ist ein Lautsprecher, alias ein Vogel, alias der Künstler selbst, der steril in einer Glasvitrine hockt, einsam und ohne Flügel. Per Knopfdruck kann man ihn bedienen, dann pfeift er aus der Enge des geschlossenen Kubus seine Vogelphrasen, wenn auch gedämpft, so doch Fröhlichkeit verbreitend. Man kann sich seiner seltenen Art rühmen, die hier in einem Schaukasten zu begucken und auch im O-Ton zu hören ist, unantastbar wie die Reliquien eines Naturkunde-Museums oder einer avancierten Kunst-Galerie.
In: Strukturgeneratoren und andere Allegorien,
monographischer Katalog zum Werk Tilman Küntzels,
Saarbrücken 2002
Anmerkungen:
1 Athanasius Kircher, Musurgia Universalis, 2 Bände, Rom 1650 (deutsche Übersetzung 1662), Reprint Kassel: Bärenreiter 1988, S. 49.
2 Helga de la Motte-Haber, Musik und Natur. Naturanschauung und musikalische Poetik, Laaber: Laaber 2000, S. 214.
3 Paul Klee, Wege des Naturstudiums und Schöpferische Konfession (Jahr angeben), in: Paul Klee. Kunst – Lehre. Aufsätze, Vorträge, Rezensionen und Beiträge zur bildnerischen Formenlehre, hrsg. von Günther Regel, Leipzig: Reclam 1987, S. 67.
4 Ebda., S. 63.
5 Ebda., S. 65.
6 Ebda., S. 68.
7 Tilman Küntzel, Werkkommentar zu MANN AM SEE, in: Tilman Küntzel, Erfindungen zum Ende Millenniums. Kommentare, Reflexionen, Beschreibungen, Ausstellungskatalog Kunstverein Springhornhof in der Lüneburger Heide 1999, S. 45.
Stichwörter zur Internet-Kunst von Tilman Küntzel
schlafend
Im Wesen immateriell, bedarf der digitale Inhalt des Internets, der in einer Art Schneewittchenschlaf auf weltweit verstreuten Servern ruht, für seine Entzauberung der menschlichen Handlung. Das Netz ist ein Ort des Potentials, nicht der Existenz. Nicht nur, weil es ein unermeßliches Reich an Informationsklassen, Sach-Inhalten, Freizeit- oder Lebensbewältigungsangeboten verwahrt, sondern auch, weil in ihm verschiedenste Formen, mit sich und anderen zu kommunizieren, individuelle Strategien der Informationsbeschaffung und Erlebniswelten entwickelt, ausprobiert oder erfahren werden können. Und: es sind unendlich viele verschiedene Zugriffe, Navigationsdramaturgien und inhaltliche Verknüpfungen in einer zuvor unbekannt rasanten Geschwindigkeit möglich. Das Netz enthält also neben einem Informationspotential auch ein Kommunikations- und Assoziationspotential.
wohnend
In den ersten Jahren, denen vor der systematischen Kommerzialisierung, wurde das Netz verhältnismäßig intensiv für künstlerische Projekte genutzt. Heute hat sich zwar die Anzahl insgesamt erhöht und die Projekte sind aufgrund der verbesserten Datenübertragung vielgestaltiger und musikalischer geworden, allerdings ist auch der demokratie-euphorische, in Zügen gar anarchistische Entdeckergeist entwichen, der dem Netz zunächst innezuwohnen schien. Neuere Projekte sind mehr auf Praktikabilität ausgerichtet, bedienen sich einer ausgefeilten Technologie und sind tendenziell seriöser. Das Netz ist mittlerweile Gefäß für jede Form und Gattung. Netzkunst ist hoffähig geworden und hat sich auf den Medienkunstfestivals („transmediale“, Berlin; „intermedium“, Karlsruhe etc.) etabliert, und auch Netzmusik, die musikstilistisch dem aktuell-experimentellen Lager am nächsten steht, ist dort mehr beheimatet als in angestammten Musikkontexten.
zweigleisig
Es ist gerade das Kommunikationspotential, auf dem netzmusikalische Arbeiten aufbauen. Zwei Ansätze, deren ästhetische und situativ-kommunikative Bedingungen sich grundlegend unterscheiden, trifft man besonders häufig an:
a) Die Kommunikation zwischen zwei oder mehr Menschen über das Netz, die im Grunde aus einem Datenaustausch besteht, basiert auf dem Prinzip der Vernetzung.
b) Die Situation, daß ein Nutzer mit einer vorprogrammierten, sich ihm in einer audiovisuellen Darstellung präsentierenden Struktur interagiert, wird am treffendsten mit dem Begriff des „Bildschirmhörens“ (Golo Föllmer) charakterisiert.
Bei ersteren Projekten (a), die die reziproke Kommunikationsstruktur des Netzes ausnutzen, werden ein oder mehrere Musiker über die Datenleitung miteinander verschaltet und kommunizieren rein akustisch miteinander (unvermeidlich mit delay) oder über visuelle Abbilder der Steuerparameter. Diese Vernetzungssituationen, an denen der Rezipient weder aktiv noch selber am Bildschirm sitzend partizipiert, ereignen sich meist in traditionellen Kunstkontexten. Der rezeptive Akt ist passiv, mitunter gar kontemplativ.
Der andere, verbreitetere Ansatz (b), der auf der internetspezifischen Situation des Surfens und Bildschirmguckens aufsetzt, fordert eine veränderte Rezipientenhaltung und ist in diesem Sinn innovativer. Die spielerisch-neugierige Eigenaktivität des Netz-Nutzers ist meist unabdingbare Voraussetzung dafür, daß sich diese Projekte realisieren. In der Eigenaktivität, die in Grad und Qualität sehr unterschiedlich ausfallen kann, ist nicht selten der eigentliche ästhetische Wert des Projekts verankert.1
Die gesamtgesellschaftliche Bedeutung des Internets spielt als Kontext und Ideengeber ebenso eine wichtige Rolle für Bildschirmmusik wie seine programmiertechnischen und kapazitären Limitierungen. Innerhalb des massiv bildflutig verstopften Internets muß sich ein künstlerisches Projekt durch sich selbst als Kunst auszeichnen, es wird nicht durch eine Kulturinstitution vorgefiltert und einem Publikum präsentiert. Ohne das Bekanntwerden der Web-Adresse verweilen Netzprojekte auf ewig im Schneewittchenschlaf.
kurzsichtig
Das Internet ist unüberschaubar, wirr, labyrinthisch, schnell und beliebig, eine überbordende Informationsflut. Es gibt keine Abstände zwischen den Informationen. Psychische, soziale und kulturell-intellektuelle Distanzen, die das Handeln in der realen Welt mitbestimmen, sind bei der Orientierung im Netz kaum von Bedeutung. Der Computerbildschirm ist wie ein SIchtfenster, in das immer wieder neue „visuelle Oberflächen“ geschoben werden. Die dahinter verborgene Verknüpfungslogik, die Tiefenstruktur des Netzes ist (begrifflich-) abstrakt und entbehrt jeglicher räumlichen Erfahrung (auch wenn das Netzt oft mit räumlichen Metaphern faßlich gemacht wird). Für die Orientierung im Netz müssen neue Kriterien gelernt werden. Tendenziell ist alles zugänglich. Normativ für die Navigationsprogrammierung im Internet ist – der Anspruch kann zumindest in dieser Weise definiert werden –, daß keine Hindernisse, keine Überraschungen und Irritationen der zielgerichteten Fahrt durch die Tiefen des Informationsnetzes entgegen stehen. Eine eindeutige Aktions-Reaktions-Zuordnung ist die Grundvoraussetzung dafür, daß sich der Nutzer im Netz nicht verliert, sondern er in seiner erwünschten Kontrollfähigkeit bestätigt wird. Das allerdings ist künstlerisch uninteressant.
arm
Gegenüber den Attributen des kommerziellen Netzes nehmen sich die Internetobjekte von Tilman Küntzel arm aus. Sie sind reduziert nicht nur in dem, was man sieht, sondern auch der Umgang mit ihren einfachen, aus anderen Kontexten bekannten Elementen ist genau abgezirkelt. Wie an einer weißen Galeriewand präsentiert Küntzel kleine Piktogramme, die Spieluhren ähneln oder klingende Embleme, die der Bildschirmhörer spielerisch erkundet, in Gang setzt und einstellt.
entstaubt
Küntzel bezieht sich in seinen Internetprojekten auf die konkrete Wirklichkeit, deren Bildhaftigkeit, Klang und Alltagssemantik. Fliegen, Gartenzwerge, Signalampelfarbenrot und -grün, Webstühle, Puppen, pointilistisch aufgepixelte Frauenkopfbilder – Küntzel installiert keine abstrakten Elemente, aber auch keine Elemente, die typisch wären für unsere hochtechnisierte Informations- und Medien-Gesellschaft, sondern Gegenstände, die einer rituell-archaischen oder vorindustriellen, zuweilen auch spießig-kitschigen Welt entsprungen zu sein scheinen. Sie widerspiegeln nicht den Stand der Welt, entsprechen nicht dem Zeitgeist, aber sind auch noch nicht vollständig aus unserer Lebenswelt verschwunden, sie sind höchstens angestaubt. Diese inhaltliche Unzugehörigkeit zum Präsentationskontext Internet schafft einen semantischen Abstand, eine Unterbrechung, die den Raum freigibt, um umzuschalten und sich auf die Objekte einzulassen. Küntzels ästhetische Positionierung erinnert an die italienische Arte Povera der sechziger Jahre in seiner begriffsursächlichen Variante:
„Die Geschichte der Dinge wird bedeutsam, und man stellt sich gerne in eine handwerkliche oder bäuerliche Tradition. &Mac226;Arm‘ heißt also nicht ärmlich, dürftig, schäbig, sondern ist […] dem &Mac226;reichen‘ Apparat eines in Anspruch, Stil und Bedeutung festgelegten Kunstbetriebs entgegengesetzt. &Mac226;Arm‘ meint eine Reduktion der instrumentellen Mittel, eine Besinnung auf die eigene Person, die Möglichkeiten des eigenen Körpers und die Interaktion mit dem unmittelbaren Umfeld, eine Wertschätzung der Materialien und der Natur. &Mac226;Arm‘ versteht sich in der Gegenüberstellung zu einer von Wirtschaftswunder, Massenmedien und Technologie geprägten Umwelt.“2
singend
Obgleich Küntzel mit dem Internet operiert, verhalten sich seine Netzobjekte zu diesem wie ihre Antithesen. Sie sind geradezu wohltuende Ruhestätten im Ein-und-Vielerlei. In ihnen kombiniert der Künstler Erfahrungen und Elemente aus der Alltagswelt mit Brechungen internet-typischer Verhaltensweisen. Diese doch recht reduzierten Handlungsspielräume und Aktionen setzt Küntzel aber eben nicht eins zu eins um, sondern in leichter Abweichung oder sie greifen überhaupt nicht. Das „drag“ funktioniert – der Gartenzwerg läßt sich bei gedrückter Maustaste über den weißen Bildschirm und darin verborgene CD-gescratchte Sounds ziehen –, das „drop“ – ein Absetzen des gezogenen Gartenzwergs an anderem Ort – jedoch nicht und so kehrt DER SINGENDE GARTENZWERG, sobald man die Maustaste losläßt, unbeirrt an seinen ursprünglichen Standort vor dem Mauerwerk zurück, das in der Silhouette des Zwergs sichtbar wird, wenn der User den Gartenzwerg auf die weiße Fläche zieht. Was die Kontrolle der klanglichen Komponente anbelangt, wird der Rezipient ebenso getäuscht wie beim Visuellen. Zunächst vermeint man, wenn man den Gartenzwerg mit der Maus auf einen Ort zieht und dort verharrt, einen CD-Hänger zu verursachen, also ein akustisches Auf-der-Stelle-Treten. Tatsächlich läßt sich der Klang im Detail genausowenig steuern, wie die Verortung des Gartenzwergs. DER SINGENDE GARTENZWERG widersetzt sich der Kontrollierbarkeit, die für das Navigieren im Internet sonst typisch ist. Gartenzwerg bleibt Gartenzwerg.
irrend
Beim Projekt DER ERROR MAN, einem weiteren Internetobjekt Küntzels, ist der Weg einfach und visuell eindeutig: Ein bogenförmiger Pfeil aus signalfarbenroten Punkten lotst zu einem zuckenden grünen Punkt. Dem roten folgt man mit der Maus – „gefundene“ geloopte Klänge kommentieren, eine Stimme verspricht warnend „danger“ – und erwartet wohl etwas vom pointierten Grünpunkt. Die Logik des Internets – mit-Buttonklick-in-ein-neues-Universum – wird jedoch nicht erfüllt. Statt dessen hört man bei grün „yes or no“ und da keine Entscheidungswege implementiert sind, bleibt es bei der unauflösbaren Dichotomie, der visuellen Oberfläche und den darin symbiotisch aufgehobenen Klängen3, also im Hier und Jetzt des audiovisuellen Internetobjekts. Der Pfeil führt nirgendwohin.
fliegend
Fliegen lassen sich im Gegensatz zu Gartenzwergen per „drag & drop“ umplazieren. Zwischendrin surren sie unberechenbar über den Bildschirm. Mit der gezogenen Fliege kann man versteckte Gesangsfetzen auslösen. Dabei wird zunächst nicht deutlich, ob der diskontinuierliche Vortrag den eigenen Mauszuckungen zuzuschreiben ist. Dieser Eindruck verändert sich auch nicht, wenn man es besser weiß. Denn tatsächlich sind die programmierten Klänge fragmentar. Dennoch wird die Abweichung vom gewohnten Klangverlauf der Eigenaktivität zugeschrieben. Für DREI FLIEGEN, EINE SINGT ist wie auch für den SINGENDEN GARTENZWERG entscheidend, daß die versteckten manipulierten Klänge keine visuelle Entsprechung haben. Die räumliche Klangtopographie ist bewußt unsystematisch und unkontrollierbar gestaltet. Das Moment der Überraschung und der leichten Irritation sind hier die entscheidende Erlebnisqualität. Fliegen lassen sich nur schwer fangen.
lachend
Die Undurchsichtigkeit der Aktionszusammenhänge bei diesen Küntzel-Projekten irritiert und erhöht den spielerisch-erkundenden Anteil der Rezeption. Gewohnte Handlungsmechanismen werden gebrochen oder en passant ad absurdum geführt. Die Irritationen, die so oder durch semantische Offenlegungen entstehen, bewirken ironische Distanz – auch zum kommerziellen Internet. Überraschung und die frappierende gebrochene Einfachheit der Objekte inaugurieren eine im unsinnlichen Netz nur selten zu findende ästhetische Kategorie: Humor.
Anmerkungen:
1 Vgl. auch Golo Föllmer, Musikmachen im Netz. Elektronische, ästhetische und soziale Strukturen einer partizipativen Musik, Diss. Halle 2002, D. i.V.
2 Arte Povera. Manifeste, Statements, Kritiken, hrsg. von Nike Bätzner, Dresden: Verlag der Kunst 1995, S. 21 f.
3 Wie seine Klanginstallationen besitzen auch Küntzels Internetobjekte eine dichte und zugleich weiche Verbindung von Visuellem und Akustischem. Meist existiert zu jedem visuellen Element ein klingendes Pendant und umgekehrt.